Tuesday, December 07, 2010

Otto Nicolai - Ehrung 2010 (II)

Der Name Otto Nicolais war jahrzehntelang identisch mit dessen Oper "Die lustigen Weiber von Windsor". Nicht beachtet wurde, daß Nicolai ein Wunderkind und Multitalent war, dem es offen stand, als Sänger, als Dirigent oder als Komponist Karriere zu machen. Nicht beachtet wurde auch, daß er in jungen Jahren zunächst als Organist der preußischen Gesandtschaft in Rom Bekanntschaft mit der Italienischen Oper machte und sich selbst in dieser Gattung versuchte.

Bereits mit seiner dritten Oper, dem Anfang 1840 in Torino uraufgeführten "Il Templario" errang er für damalige Verhältnisse einen Welterfolg. Als er diese Oper im September 1840 an der Scala in Mailand einstudierte, erhielt er sofort den Auftrag, ein neues Werk für Mailand zu schreiben. Das Resultat war "Il proscritto", der im März 1841 zur Uraufführung gelangte. Dieser Oper war kein Erfolg beschieden, insofern die Primadonna aus persönlicher Ranküne gegenüber Nicolai ihren Part nicht aussang sondern nur nach Art einer Generalprobe andeutete. Nicolai war darüber so verletzt, daß er kurzfristig das Angebot annahm, im Frühjahr 1841 die italienische Saison am Kärtnertor-Theater in Wien zu dirigieren. Dort brachte ihm wiederum sein "Templario" die Berufung zum Chefdirigenten des Theaters ein. In dieser Eigenschaft ist er auch zum Gründer der Wiener Philharmoniker geworden. Im Jahre 1844 hat er dann den "Proscritto" zu einer deutschen Oper umgearbeitet, die in Wien unter dem Titel "Die Heimkehr des Verbannten" gespielt wurde und die zu mehr als 50% neue Musik enthielt. Auch bei späteren Aufführungen hat Nicolai immer wieder an dieser Oper gefeilt. Nach seinem 1848 erfolgten Wechsel nach Berlin (also nach Fertigstellung der "Lustigen Weiber von Windsor") hat er dann noch eine eigene Berliner Fassung erstellt, die posthum unter dem Titel "Der Verbannte" herauskam und die gerade noch 15% jener Musik enthält, die 1841 in Mailand erklungen war. Das hat die Musikkritik seinerzeit aber nicht davon abgehalten, der Oper allzugroße "Italianitá" zum Vorwurf zu machen, gegenüber der man die "deutschen" Tugenden der "Lustigen Weiber" ins Feld führen konnte.

Die Zeiten der nationalen Chauvinismen in der Operngeschichtsschreibung sind heute zum Glück vorüber und man kann anerkennen, daß Nicolai das Talent besaß, sich in zwei sehr verschiedenen musikalischen Kulturen mit bedeutsamen Werken hervorzutun. Lange Zeit freilich stellte sich das Problem, daß sowohl die Partitur des italienischen "Templario" als auch des italienischen "Proscritto" als verschollen galten. Nachdem der Verfasser dieser Zeilen schon 1989 eine Abschrift des "Proscritto" entdeckt hatte, gelang es ihm später, gleich drei Abschriften des "Templario" aufzufinden, die untereinander große Abweichungen aufweisen. Der Verfasser nahm dies zum Anlaß, eine praktische Edition des "Templario" zu erarbeiten, die die unterschiedlichen erhaltenen Varianten enthält und zugleich die Partitur im Sinne einer Editio princeps der Musikwelt erstmals zugäglich machte. Auf Grundlage dieser Partitur erfolgte dann am 7. März 2008 die moderne Erstaufführung dieser Oper am Städtischen Theater in Chemnitz. Diese Aufführung wurde live im Rundfunk übertragen und diente als Grundlage einer CD-Edition, die im September 2009 erschienen ist und vergleichsweise weite Verbreitung fand.

Als am 9. Juni 2010 die Musikwelt des 200sten Geburtstages Otto Nicolais gedachte, konnte erfreulicherweise beobachtet werden, daß das jahrzehntelang gepflegte, eindimensionale Nicolai-Bild in Bewegung geraten war. Während die Wiener Philharmoniker ihres Gründers vor allem dadurch gedachten, daß sie dessen Leistungen als Dirgent hervorkehrten und die Berliner Sing-Akademie und der Berliner Domchor (dessen Mitglied bzw. Dirigent Nicolai ja war) den Kirchenmusiker Nicolai würdigten, wurde in öffentlichen Vorträgen und im Rundfunk vielfach der italienische Opernkomponist Nicolai und dessen "Templario" vorgestellt. Das Theater Chemnitz, das mit seiner Aufführung des "Templario" diese Entwicklung 2008 angestoßen hat, wird seinen Einsatz für Nicolai am 29. Januar 2011 erneut unter Beweis stellen. Dann steht dort die moderne Erstaufführung von "Die Heimkehr des Verbannten" an, die soweit als möglich jene Gestalt des Werkes rekonstruiert, wie sie Nicolai selbst im März 1844 dirigiert hat. Grundlage dieser Aufführung ist wiederum eine vom Schreiber dieser Zeilen besorgte praktische Edition und Editio princeps, die sowohl die Wiener Fassung von 1844 als auch die Berliner Fassung von 1848 enthält. (Eine Editon der Mailänder Originalfassung des "Proscritto" ist in Arbeit).

Partitur und Orchestermaterial zu "Il Templario" bzw. "Die Heimkehr des Verbannten/Der Verbannte) sind im Eigenverlag des Unterzeichnenden erschienen und (seit Februar 2008/ bzw. ab sofort) auf dem Leihwege erhältlich. Die Editionen sind bei der VG Musikedition in Kassel angemeldet und damit gemäß § 71 Deutsches Urheberrecht geschützt.

Berlin, im Dezember 2010 Dr. Michael Wittmann

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