Monday, September 12, 2016

Emil Nikolaus von Reznicek - Pionier der Polystilistik

Emil Nikolaus von Reznicek (Wien, 4. 5. 1860 – Berlin 3. 8. 1945) gehört zu jene Komponisten, deren eigentliche Bedeutung es erst noch zu entdecken gilt: 

   Rezniceks Großvater war der Militärkapellmeister Josef Resnitschek (1787-1848) der im Wiener Musikleben eine prominente Rolle spielt und oft gemeinsam mit Johann Strauss (Vater) auftrat. Sei Vater war der k&k Feldarschalleutnant Josef von Reznicek, der 1860 in den Freiherrnstand erhoben wurde. Materiell wuchs Emil Nikolaus in gesicherten Verhältnissen auf. Gleichwohl berichtet er von einer schwierigen kindheit: Früh hat er seine Mutter verloren; mit der Stiefmutter kam er nicht zurecht. Schon als Kind entdeckte er die Musik als Zuflucht und begann auch zu komponieren. Kein Geringerer als Johannes Brahms hat ihn darin bestärkt. 

   Nach der Matura studierte er (1878-1881) Jura und Komposition in Graz. Sein Kompositionslehrer war Wilhelm Meyer, der auch der Lehrer von Feruccio Busoni und Felix Weingartner war. Zur Perfektionierung verbrachte er noch ein Studienjahr in Leipzig, wo seine Abschlußarbeit, die Symphonische Suite e-moll 1882 preisgekrönt wurde. Es folgten Kapellmeisterstellen in Graz, Zürich, Stettin, Jena, Bochum, Berlin und Mainz. 1887-1895 lebte er in Prag: Teils als Komponist, teils als Militärkapellmeister. Seine dort 1894 uraufgeführte Oper Donna Diana machte ihn schlagartig bekannt. Sie öffnete auch den Weg zu seinem Engagement als Hofkapellmeister in Mannheim (1896-1899). Nach anfänglichen Erfolgen setzte dort eine Kampagne gegen ihn ein. Sein Verbrechen: er war mit seiner künftigen Frau zusammengezogen, bevor deren Scheidung vollzogen war. Nach der Heirat zog das Paar zunächst nach Wiesbaden, 1902 dann nach Berlin. Die Oper Till Eulenspiegel setzt seine Mannheimer Erfahrungen künstlerisch um. In den Jahren 1907-1912 war er gezwungen, wieder als Dirigent zu arbeiten. Eine Leibrente des Schweizer Bankiers H.C.Bodmer ermöglichte ihm danach als freischaffender Komponist zu leben. Sein Hauptwerk ist denn auch in der Zeit von 1912-1935 entstanden. (Ähnlich wie bei Leos Janacek stellt dieses also ein Alterswerk dar). 

   Der Anbruch des Nationalsozialismus 1933 stellte für ihn ein Problem dar: zum einen hatte er sich in der Weimarer Republik deutlich links positioniert, zum anderen war seine Ehefrau nach damaliger Terminologie eine Halbjüdin. Richard Strauss half seinem Freund, in dem er ihn 1934 zum Deutschen Delegierten des Ständigen Rates für Zusammenarbeit der Komponisten machte. In dieser Eigenschaft plante Reznicek große internationale Musikfeste. Dabei nutzte er seine Spielraum, um in Deutschland auch Komponisten (auch jüdische) aufzuführen, die im normalen Konzertbetrieb schwerlich durchzusetzen gewesen wären. Als der Ständige Rat 1942 gleichgeschaltet wurde, trat Reznicek von dieser Funktion zurück und widmete sich wieder dem Komponieren. Im Herbst 1943 flüchtete er vor den Bombenangriffen auf Berlin nach Baden bei Wien. Dort erlitt er an Heilig Abend 1943 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Bei wachender Demenz wurde er zum Pflegefall. Anfang 1945 durfte er in seine Berliner Wohnung zurückkehren. Dort ist er im August 1945 an Hungertyphus gestorben.

    Reznicek ist heute vor allem durch die Ouvertüre zu Donna Diana bekannt. Dabei ging die Rezeption der Ouvertüre und der kompletten Oper von Anfang an unterschiedliche Wege. Nach anfänglichen Erfolgen verschwand die Oper nach 1907 für fünfundzwanzig Jahre komplett aus den Spielplänen. Erst die dritte Fassung von 1932 wurde wieder viel gespielt. Wenn Reznicek also in den 1920er Jahren als Komponist in einem Atemzug mit Strauss und Pfitzner genannt wurde, so verdankte sich diese Einschätzung nicht der Donna Diana, sondern den nach 1912 entstandene Werken. Allen voran der Sinfonische Dichtung Der Schlemihl und der Oper Ritter Blaubart. Im historischen Rückblick wird klar: Die Donna Diana gehört ebenso wie die zeitgleich entstandenen Oper Tiefland oder Hänsel und Gretel zu jenen Werken, in den Komponisten über die pure Wagner­imitation hinaus zu einer eigenständigen Wagnerrezeption fanden. Richard Strauss hat dann nach 1900 der Operngeschichte ein ganz eigenes Kapitel zugefügt. Erst mit Palestrina und Ritter Blaubart haben Reznicek und Pfitzner hnach Wahrnehmung der Zeit mit Strauss gleichgezogen. Wenn er also in den 1920er Jahren zu den bedeutendsten deutschen Komponisten der 1860er Generation gezählt wurde, so beruhte diese Einschätzung nicht auf der längst vergessenen Donna Diana, sondern auf den Werken der zweiten Scaffensperiode ab 1911, allen voran dem Ritter Blaubart.

   Tatsächlich hat Reznicek 1921 in einem Brief an Ernst Deczy auch beansprucht, seinen Stil in den letzten Jahren konsequent modernisiert zu haben. Im Gegensatz zu Richard Strauss stand Reznicek der Neuen Musik durchaus offen gegenüber und Alban Bergs Wozzek fand seine aufrichtige Bewunderung. Da Reznicek ein glänzender Instrumentator war, wird er oft in die Nähe von Richard Strauss gerückt. Er selbst hat immer wieder betont, daß der größte künstlerische Eindruck seines Lebens von Gustav Mahler ausgegangen sei. Beiden Komponisten ist gemein, daß sie an der Welt gelitten und diesen Weltschmerz künstlerisch umgesetzt haben. Aber wo Mahler den großen Emotionen freien Lauf lassen konnte, flüchtete sich Reznicek in die Ironie. Nicht die große Geste ist sein Fall, sondern die geistreiche Anspielung, das Aperçu, das Zitat. Seine musikalischen Penaten benennt er 1904 mit der Bemerkung Ich glaube an Bach, Beethoven und Wagner – Amen! Aber Reznicek ist auch ein vorzüglicher Kenner der Volksmusik, der alten (vorbach'ischen Musik), der Tanzmusik und des Jazz. Und wie Gustav Mahler zögerte er nicht, solche Musik mit in sein Werk einzubeziehen. Denn im Gegensatz zu den meisten Komponisten seiner Epoche, war Reznicek kein Anhänger des Fortschrittsgedankens in Geschichte oder Musikgeschichte, sondern pflegte eine historistische Sicht der Dinge: Jede gute Musik war für ihn unmittelbar zu Gott und konnte darum auch aufgegriffen und in das eigene Werk integriert werden. Die zeitgenössischen Kritiker hatten damit oftmals Probleme, die sie mit der Rede vom musikalischen Eulenspiegel zu bewältigen suchten. In Kenntnis der Musik eines Wolfgang Rihm oder Alfred Schnittke stellt sich das anders dar: im Grunde war Reznicek eine Pionier der Polystilistik, deren eigentliche Zeit erst mit der Postmoderne gekommen war.

   Da die Aufführungsmaterialien der dritten Fassung der  Donna Diana bei Kriesende alle ausgeliehen waren, gingen diese in der letzten Kriegsphase mit den Operhäuser in Flammen auf. Einige Versuche, die Oper nach 1950 wieder zu beleben, mußten notgedrungen auf die Erstfassung von 1894 zurückgreifen und konnten umso weniger überzeugen, als Reznicek, wie alle Komponisten, deren Schaffen in das 20. Jahrhundert hineinragte und die an der Tonalität festhielten, in Zeichen der musikaischen Avantgarde als epigonal eingestuft und vergessen wurden. In Deutschland blieb einzig die Ouvertüre der Oper Donna Diana lebendig, da deren Hauptthema als Eingangsmelodie der von 1969 bis 1985 monatlich ausgestrahlten, musikalischen Quizsendung Erkenne Sie die Melodie? fungierte. Als um etwa 1980 eine Neubesinnung einsetzte und Komponsten wie Franz Schreker oder Alexander von Zemlinsky neu entdeckt wurden, hätte man sich eine ähnliche Renaissance auch für Reznicek erwarten können. Dem stand die Veröffentlichung von Fred K. Priebers Handbuch Deutscher Musiker im 1933-1945 entgegen, der darin den Vorwurf erhob, daß Reznicek ein Nazisympathisant gewesen sei.  Eine Anschuldigung, die erst in neuerer Zeit widerlegt werden konnten. Dies führte zu einem allmählichen Umdenken auch im Musikbetrieb. Erstmals seit den 1960 war Donna Diana 2003 an der Oper Kiel zu sehen. Seither folgten die szensiche Wiedergabe des Ritter Blaubart in Augsburg, des Holfernes in Bonn und die postume Uraufführung von Benzin in Chemnitz. Alle Aufführungen sind auch auf CD erhältlich oder werden in Kürze veröffentlicht. Das Label CPO hat auf mittlerweile sechs CDs die wichtigsten Orchesterwerke Rezniceks zugänglich gemacht; eine Gesamteinspielung seiner Streichquartett durch das Minguet-Quartett befindet sich in Vorbereitung. Soweit urheberrechtlich möglich wurden alle gedruckten Werke Rezniceks digiataliisert und in der Petrucci-Library eingestellt. Die recht zahlreichen unveröffentlchen Kompositionen Rezniceks werden seit 2012 von der Editio Reznicek (Wedemark) herausgegeben,

                                                                                                   (Copyright 2015 by Michael Wittmann)


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