Emil Nikolaus von Reznicek - Forschung

Dienstag, Mai 23, 2017

Die Metamorphosen der Donna Diana

In den einschlägigen Lexika oder Programmheften wird Emil Nikolaus von Reznicek (1860-1945) meist durch Photos seiner späten Jahre abgebildet, die einen gütig lächelnden, altersweisen Gentleman zeigen. Das verdeckt ein wenig, daß Reznicek in seinen jungen Jahren gelegentlich ein rechter Heißsporn sein konnte. So beispielsweise am Mittwoch, den 1. Juni 1892, als er in seiner Eigenschaft als Militärkapellmeister des 88sten K&K Infanterieregiment beim Sommerfest der Deutschen in Heines Theatergarten in Königliche Weinberge ein Freiluftkonzert dirigieren wollte. Gerade als er den Taktstock hob, sah er, daß ein angetrunkener Corps-Student seine Frau belästigte: kurzerhand sprang er vom Rostrum, zog seinen (ungeschliffenen) Degen, drehte diesen um und hieb den Knauf auf den Kopf des Belästigers. Das Ergebnis war ein Platzwunde, ein Polizeieinsatz, eine Verurteilung zu zehn Gulden Strafe wegen Körperverletzung, (die Reznicek 1904 bezahlte), ein Duell, (das Reznicek gewann) und seine fristlose Entlassung als Militärkapellmeister. Unglücklicherweise war der Coprs-Student Tscheche, und da gerade in jener Zeit die ethnischen Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen zunahmen (Prag wurde kurze Zeit später sogar unter Kriegsrecht gestellt), konnte das Regiment gar nicht anders, als seinen Kapellmeister umgehend zu entlassen. Wahrscheinlich muß man dem unbekannten Studenten sogar dankbar sein: gut möglich, daß Reznicek ohne diesen Vorfall wie schon sein Großvater Josef Resnitscheck (1787-1848) auf Dauer die lukrative Stelle eines Militärkapellmeisters bekleidet hätte. So aber griff er, auf neue Zivilkleider wartend, zu einem Heftchen mit Augustin Moretos (1618-1669) Lustspiel El desdén, con el desdén in der deutschen Bearbeitung von Carl August West (= Joseph Schreyvogel) und machte daraus seine Donna Diana oder Stolz und Liebe, die am 16. Dezember 1894 im Deutschen Theater in Prag ihre Uraufführung erlebte.

Dies ist in kurzen Worten die Entstehungsgeschichte, wie sie Reznicek selbst in seinen unveröffentlichten Memoiren von 1941 dargestellt hat. Ein Blick in den inzwischen zugängliche gewordenen Briefwechsel Rezniceks mit Felix Mottl in Karlsruhe bestätigt den Entstehungs­zeitraum, läßt aber zusätzlich erkennen, daß Reznicek bei dieser Gelegenheit regelrecht in einen Schaffensrausch verfallen sein muß. Jedenfalls schrieb er, nachdem er das Libretto vollendet hatte, die Musik direkt in Partitur (und nicht, wie sonst bei ihm üblich zunächst als Particell). Diese Partitur war bereits Ende 1892 fertiggestellt und Reznicek sandte das Werk zu Mottl nach Karlsruhe. (Mottl hatte sich schon 1888 Rezinceks zweite Oper Satanella zur Ansicht kommen lassen). Mottl erkannte sofort die Qualität des Werkes, aber auch, daß die Partie der Diana in idealer Weise für seine Frau geeignet wäre, die ebenfalls am Hoftheater in Karlsruhe engagiert war. Und so nahm er das Werk für die Saison 1894/95 an. Danach machte Reznicek sich daran, den Klavierauszug zu erstellen, wobei er nebenbei noch das Floretta-Lied in die Partitur einfügte.

Erst jetzt begann auch Angelo Neumann, der Intendant des Prager Deutschen Theaters sich für Werk zu interessieren und sicherte sich die zweite Inszenierung für sein Haus. Die internen Terminplanung der beiden Häuser bewirkte dann aber, daß die Premiere im Dezember 1894 doch in Prag erfolgte und Karlsruhe erst an Ostern 1895 die zweite Inszenierung herausbrachte. Es ist also nicht so, daß Neumann, wie vielfach in der Literatur kolportiert, Auftraggeber für Rezniceks vierte Oper gewesen wäre. Gleichwohl hat er seinen Verdienst am Erfolg des Werkes: es war Neumann, der darauf bestand, daß die Oper eine Ouvertüre erhalten müsse. Reznicek selbst hatte in gut wagner'scher Manier ursprünglich nur ein kurzes Vorspiel vorgesehen. Auf Neumanns Drängen entwarf er, wie er selbst schildert, auf dem Sofa liegend und eine Zigarre rauchend in fünf Minuten die Ouvertüre zu Donna Diana. (Für Reznicek war der Einfall der Werkidee der zentrale Akt einer Komposition; die Ausarbeitung der Idee am Schreibtisch [nicht am Klavier] nurmehr Kompositionshandwerk). Diese wurde der Partitur vorangestellt, beim Aufgehen des Vorhanges erklingt dann das kurze Vorspiel, was dramaturgisch eigentlich Unsinn ist. Zudem existiert eine gewisse Diskrepanz zwischen der mozart'schen Heiterkeit der Ouvertüre und der folgenden Opernmusik, die bei aller Komik doch noch immer zahlreiche wagner'sche Wendungen enthält. Tatsächlich war Reznicek selbst in seinen drei vorhergehenden Oper (Jungfrau von Orleans 1887; Satanella 1888; Emerich Fortunat 1889) noch ganz im Banne Wagners verblieben. Mit der Donna Diana begann er aus dessen Schatten herauszutreten Es ist dies also der Moment, in dem die Wagner-Imitation in eigenständige Wagner-Rezeption umschlägt im Sinne eines Über-Wagner-hinaus-Denkens. Damit hat die Donna Diana einen ähnlichen historischen Stellenwert, wie die etwa gleichzeitig entstanden Opern Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdink oder Saint Foix von Hans Sommer.

Reznicek selbst lebte in den Monaten nach seiner Entlassung beim Militär als Privatier in Prag. Nach der Annahme der Donna Diana erhielt er jedoch Unterstützung durch die Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen, die ihm den Auftrag zur Komposition eines Requiem zum Andenken an den jüngst verstorbenen Führers der Deutsch-Böhmen, Franz Schmeykal (1825-1894), erteilte. Dieses (heute verschollene) Werk wurde am 19. November 1894 am Deutschen Landestheater uraufgeführt. Der große Erfolg dieses Werkes beförderte die hohen Erwartungen, die man mit der bevorstehenden Premiere der Oper verknüpfte. Die Prager Uraufführung der Donna Diana hat diese Erwartungen denn auch erfüllt, wie ein Blick in die deutschsprachige Tagespresse zeigt. Vielfach wird die neue Oper mit umfänglichen Korrespondenzberichten gewürdigt. Aber auch biographisch brachte die Donna Diana einen Wendepunkt in Rezniceks Leben: von Hans von Bronsart erhielt er die Einladung, sich in Weimar um die Nachfolge Eduard Lassens zu bewerben. Im Februar 1895 übersiedelte Reznicek darum mit seiner Familie nach sieben Jahren von Prag nach Weimar. Von dort aus besuchte er Ostern 1895 die Karlsruher Premiere seiner Oper, die zum eigentlichen Durchbruch des Werkes führte.

Wenn man von der Rezeption der Donna Diana spricht, so gilt es sich bewußt zu machen, daß die Rezeption der kompletten Oper und die der Ouvertüre von Anfang an vollkommen verschiedene Wege gingen. Noch vor der Karlsruher Aufführung der Oper erreichte die Ouvertüre den Konzertsaal. Schon im Januar 1895 dirigierte Ernst von Schuch die Ouvertüre in Dresden, die dabei umgehend wiederholt werden mußte. Im Februar folgte Felix Weingartner in Berlin. Schließlich bildete sie im Juni 1895 den Glanzpunkt der Tonkünstlerversammlung des ADMV in Braunschweig. Damit war das Stück so ziemlich jedem Dirigenten und Intendanten in Deutschland bekannt. Rasch folgten auch Aufführungen im europäischen Ausland und bereits 1896 die ersten Wiedergaben in den USA. Dort dienten die Anfangstakte in den 1940er Jahren als Jingle einer sehr beliebten Radioserie (Call of the Yukon) und erreichten damit eine ähnliche Bekanntheit, wie in Deutschland durch das Fernsehquiz „Erkennen Sie die Melodie“ in den 1970er und 80er Jahren. Anders die komplette Oper: hier war, wie schon gesagt, die Aufführung durch Mottl in Karlsruhe entscheidend, die den Prager Triumph bestätigte. Mottl hatte im Vorfeld für die Oper beim Schott-Verlag geworben, und Ludwig Strecker hatte sogar die Prager Premiere besucht. Er und Reznicek verhandelten über eine Paketlösung, bei der Schott Requiem und Donna Diana übernehmen sollte. Nach Karlsruhe trat der Leipziger Verlag Schuberth auf den Plan und erhielt den Zuschlag für die Donna Diana, nachdem er dafür einen Vorschuß von 20 000,- Reichsmark geboten hatte. Reznicek zog sich daraufhin aus dem Rennen um die Lassen-Nachfolge zurück und übersiedelte nach Leipzig, um dort den Druck der Donna Diana zu überwachen. Von dort aus bewarb er sich um die Stelle als Hofkapellmeister in Mannheim, die er zum 1. September 1896 antrat. Die Drucklegung der Oper ging rasch voran und bereits die dritte Inszenierung in Leipzig im Dezember 1895 erfolgte aus der gedruckten Partitur. Beim Tonkünstlerfest des ADMV, das im Juni 1896 in Leipzig stattfand, fungierte eine Aufführung der Donna Diana im Beiprogramm,so daß auch hier alle maßgeblichen Musiker das komplette Werk in Ohrenschein nehmen konnten. Tatsächlich hat die Oper in den folgenden Jahren praktisch eine Rundlauf durch alle Bühnen des deutschsprachigen Raums erfahren. Am bedeutendsten war dabei wohl die Inszenierung an der Hofoper in Wien im Herbst 1898, die Gustav Mahler persönlich leitete und für die Reznicek ein erweitertes Finale komponierte. Im Unterschied zur Ouvertüre übersprang die komplette Oper jedoch nicht die Sprachgrenze. Vor allem aber wurde sie kein Repertoirestück: nachdem das Werk einmal inszeniert wurde, erfolgte an den Theatern keine Neuinszenierung mehr. Und so gingen seit etwa 1905 die Aufführungsziffern der Donna Diana kontinuierlich zurück.

Reznicek selbst hatte den in Donna Diana begonnenen Weg kompositorisch fortgesetzt. Dies gilt insbesondere für seinen 1901 wiederum in Karlsruhe durch Felix Mottl uraufgeführten Till Eulenspiegel. Volksoper in zwei Teilen mit einem Nachspiel. Bereits während dessen Komposition hatte Reznicek einem Freund anvertraut: „Jetzt steht endgültig fest, daß ich kein Wagnerianer werde. Leitmotivtechnik und genaustes Beachtung der Psychologie. Sonst nichts von Wagner.“ - Diese Aussage kann auch für die Neubearbeitung der Donna Diana gelten, die im Mai 1908 an der Königlichen Oper unter Ernst von Strauss ihre Uraufführung erlebte und im Dezember 1908 in München wiederholt wurde. In den Text und die Handlung hat Reznicek dabei nicht eingegriffen, wohl aber die Musik gründlich revidiert und vor allem offenkundige Wagnerismen beseitigt. Über weite Strecken hat er auch die Musik gänzlich neu komponiert. Trotzdem konnte die Neubearbeitung sich nicht durchsetzen und so verschwand die Donna Diana von 1910 bis 1933 komplett von der Bühne. Da die zweite Fassung auch niemals im Druck erschien, geriet auch deren Existenz vollkommen in Vergessenheit.

Nun verfügte Reznicek aber auch über eine gewisse Hartnäckigkeit und hat an Themen, die ihm wichtig schienen festgehalten. Dies trifft etwa auf das Thema „Frieden“ zu, das er 1914 in seiner Sinfonischen Dichtung Der Frieden behandelte und das er 1930 in der Kantate Vom ewigen Frieden wieder aufgriff. Ähnliches ist mit der Donna Diana geschehen: Am 11. September 1928 startete Hugo Eckener (1868-1954) mit dem Zeppelin LZ 127 „Graf Zeppelin“ zur spektakulären ersten Passagierfahrt über den Atlantik von Friedrichshafen nach New York. Dies brachte Reznicek auf die Idee zu seiner Oper Benzin. Diese ist eine Mischung von Antiken- und Zeitoper und basiert auf Calderón de la Barcas (1600-1681) Stück Über allem Zauber Liebe (El mayor encanto, amor), das seinerseits eine Dramatisierung der Odysseus-Circe-Episode aus der Odysseia ist. Freilich mit charakteristischen Abänderungen. Reznicek Odysseus kommt nicht per Schiff, sondern per Luftschiff. Die Circe heißt Gladys, ist eine amerikanische Milliardärstochter und ihre Insel liegt im Atlantik. Auch kann sie nicht zaubern sondern nur hypnotisieren. Kaum gelandet entspinnt sich zwischen Ulysses Eisenhardt und Gladys der ewige Zweikampf der Geschlechter, der hier aber ein Happy-end findet: Gladys besteigt den Zeppelin und fliegt mit nach New York. Das ist vom Plot her nichts anderes, als die Geschichte der Donna Diana, nun aber unter den gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen der 1920er Jahren. (Das gilt auch für die Musik: wo in Donna Diana ein Walzer erklingt, ertönt nun eine Jazz-Band). Während aber Reznicek noch mit der Komposition von Benzin beschäftigt war, lndete Eckener seinen nächsten Coup: eine Weltumrundung per Zeppelin von New York nach New York mit nur vier Zwischenlandungen. Finanziert wurde das Unternehmen durch den New Yorker Zeitungsmagnaten Randolph Hearst, dessen Reporter in der Reisekabine saßen und über Funk ihre stimmungsvolle Reportagen in die Re­dak­tionen übermittelten. Dabei zeichnete sich besonders die Journalistin Grace Drummond-Hay aus, die damit als erste Frau den Aufstieg in den Kreis der international anerkannten Spitzenreporter schaffte. Angesichts dieser Entwicklung hätte man die Oper nicht geben können, ohne damit Eckener völlig unberechtigerweise in Verdacht zu bringen. Dieser aber war inzwischen eine nationale Größe geworden und war 1932 sogar als möglicher Kandidat für die Wahl des Reichspräsidenten im Gespräch. Somit wagte kein Intendant, die Oper anzunehmen, und deren Uraufführung kam erst 2010 in Chemnitz zu Stande.

Ein weiterer Grund für die verspätete Uraufführung von Benzin war auch der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Und diese erfaßte dann auch den Leipziger Schuberth-Verlag, der schließlich von der Universal-Edition in Wien übernommen wurde. Die UE war seit 1916 ohnehin zu Rez­niceks Hauptverlag geworden; nun kam auch noch die Donna Diana in ihr Sortiment. Bald schon findet man in der Korrespondenz zwischen Verlag und Komponist Überlegungen, ob man nicht die Donna Diana irgendwie recyceln könne. 1933 hatte Reznicek dann eine Idee, bei der er auf das Konzept von Benzin zurückgriff: Der Einfall war, die Handlung der Donna Diana aus dem 16. Jahrhundert in die Gegenwart zu verlegen. Aus dem Grafen von Barcelona wurde so der Bürgermeister von Barcelona, aus dem Ritter Don Cesar ein Torrero, aus dem Diener Perin dessen Manager. Nur Donna Diana blieb die Spröde, die sie immer war. Der damalige Oberspielleiter der Staatsoper Berlin, Julius Kapp, besorgte (sehr behutsam) die Einrichtung des Textes, der der originalen Melodie angepaßt wurde. Musikalisch legte Reznicek dabei die zweite Fassung von 1908 zu Grunde. Dabei hat er nur an ganz wenigen Stellen noch einmal in die musikalische Substanz des Werkes eingegriffen; wohl aber hat er das Stück fast in jedem Tat neu instrumentiert. Der ursprünglich schwere wagner'sche Orchestersatz wurde radikal ausgedünnt, so daß die Musik jetzt fast durchweg kammermusikalisch durchhörbar erscheint. Die dritte Fassung der Donna Diana erlebte ihre Vorpremiere am 18. November 1933 in Elberfeld, der am 31. Dezember 1933 die eigentliche Uraufführung an der Berliner Staatsoper unter Erich Kleiber folgte. Da die Fassung von 1908 praktisch in Vergessenheit geraten war und die Kritiker den Klavierauszug von 1895 im Kopf hatten, erschien die Veränderung radikaler, als sie tatsächlich war. Das Werk wurde fast wie eine Neukomposition aufgefaßt, dessen Vorzug eben darin bestünde, daß nunmehr die Oper das Versprechen einlöse, das die Ouvertüre (die in keiner der Fassungen verändert wurde) abgebe. In dieser Form hat die Donna Diana III, denn bis zur Einstellung aller Theatervorstellungen 1944 noch einmal einen Rundlauf über die deutschen Bühnen mit mehr als fünfzig Inszenierungen unternommen.

Dieser neuerlich Erfolg wurde dem Werk dann aber zum Verhängnis: die Material waren bei Kriegsende alle ausgeliehen und gingen mit den Opernhäusern in Flammen auf. Nach dem Krieg verfügte die UE zwar noch über drei Partituren der dritten Fassung, nicht mehr aber über die zugehörigen Aufführungsmateriale. Und da deren neuerliche Herstellung die wirtschaftlichen Möglichkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit überforderte, wurde bei den wenigen Auffüh­rungen der 1950er und 60er Jahre nolens-volens auf die Fassung von 1894 zurückgegriffen, die natürlich im Umfeld der Nachkriegsavantgarde vollends obsolet erscheinen mußte. Nach 1968 verschwand das Werk dann neuerlich komplett von der Bühne, bis das Opernhaus Kiel 2003 sich an eine (szenisch ziemlich mißglückte) Neuinszenierung machte. Jetzt hat die Staatsoper Prag (das ehemalige Deutsche Theater) eine (glücklicherweise) konzertante Aufführung der ersten Fassung für März 2018 angekündigt. Das Werk kehrt damit zu seinen Ursprüngen zurück. Gleichzeitig plant das Theater Bielefeld für 2018 eine zweite Inszenierung von Benzin. Es bleibt zu hoffen, daß ein mutiger Intendant dieses neu erwachte Interesse an Rezniceks Meisterwerk zum Anlaß nimmt, nun auch einmal die dritte Fassung der Donna Diana von 1932 auf die Bühne zu bringen. Die UE (Wien) und die Editio Reznicek (Wedeark) planen für diesen Fall, das Aufführungsmaterial neu herzustellen.

Copright 2017 by Michael Wittmann


Labels: , ,

Donnerstag, Mai 04, 2017

Emil Nikolaus von Rezniceks Hauptwerk "Der Frieden" wiederaufgefunden



„Frieden – Eine Vision für Chor, großes Orchester und Orgel“


Emil Nikolaus von Reznicek hatte einen frühen Erfolg mit seiner Oper Donna Diana (1894), deren Ouvertüre seinen Namen bis heute lebendig hielt. Ähnlich Leos Janacek aber entstand sein Haupt­werk erst nach seinem fünfzigsten Geburtstag, beginnend mit der Tondichtung Schlemihl (1912), die er mit Der Sieger (1913) und Frieden – Eine Vision (1914) zu einer Trilogie erweiterte. Wäh­rend nun aber Schlemihl und Sieger im Druck vorliegen und inzwischen auch auf CD einge­spielt sind, ist der Frieden Manuskript geblieben. Dieses Manuskript galt seit 1941 als vermisst und dürfte während des 2. Weltkrieges vernichtet worden sein, als das Verlagsarchiv von Bote&Bock, in dem es mit den Aufführungsmaterialien eingelagert war, nach aliierten Bombenangriffen in Flam­men aufging. Dem Schreiber dieser Zeilen ist es nun gelungen, in den USA eine vollständige Abschrift ausfindig zu machen. Die Editio princeps des Werkes wird in Kürze im Rahmen der Editio Reznicek (Wedemark) erscheinen.

Zur Entstehung des Werkes schreibt Reznicek 1941 in seinen unveröffentlichten Memoiren: „Es war am 20. Dezember 1913 (ich entsinne mich genau des Tages, weil ich ihn auf der Partitur vermerkt habe), da träumte mir folgendes: Ich war Soldat. Es war nach einer blutigen Schlacht. Ich lag tötlich verwundet unter tausenden von Leidensgefährten auf der Walstatt. Das Ächzen und Stöhnen der nach Hilfe und Wasser Rufenden drang schauerlich durch die Nacht. Von fernher tönten Signale, Trommelschlag und der Geschützdonner der Verfolgung. Wachtfeuer flammten auf und die Hyänen des Schlachtfeldes stürzten sich auf uns wehrlose Opfer. Eine riesenhafte Gestalt zu Pferde, der Krieg, ritt langsam über die Leichen. Ich winde mich in Fieber­delirien. Plötzlich, wie durch einen Zauber, wird es licht um mich herum. Ich bin zu Hause bei den Meinen. Der Friede ist geschlossen und jubelnd strömt das Volk zusammen, um das frohe Ereignis zu feiern. Glocken tönen, aus den Kirchen schallt der feierliche Gesang der Andächtigen und alles vereinigt sich zu einem brausenden Crescendo des Glücks. Plötzlich fühle ich, es war eine Vision, eine Ausgeburt meiner überhitzten Phantasie, es wurde wieder dunkel, ich liege auf dem Schlacht­feld und --- sterbe. - In diesem Moment erwachte ich und am andern Tag begann ich den Entwurf zu meiner symphonischen Dichtung Frieden, die jetzt – soll ich sagen leider – so aktuell geworden ist“.

Wie man Rezniceks Schilderung entnehmen kann, hat er unmittelbar nach dem Traum­erlebnis mit der Komposition begonnen. Die fertige Partitur des Frieden trägt wiederum als Datum den 18. April 1914, so daß der vollständige Kompositionsprozeß von der ersten Idee bis zur fertigen Partitur auf den Zeitraums sich zwischen dem 20. Dezember 1913 und dem 18. April 1914 vollzogen hat. Am 17. Juni 1914 schließlich vermeldet das Prager Tagblatt, daß Rezniceks neues Werk Frieden vom Philharmo­nischen Chor in Berlin für die nächste Saison zur Uraufführung angenommen worden sei. Zehn Tage später ereignete sich das Attentat von Sarajevo, dem am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien folgte, mit dem der 1. Weltkrieg seinen Anfang nahm. Selten einmal wurde eine Vision derart schnell von der Realität grausam eingeholt. Angesichts des Kriegsausbruches ist es verwunderlich, daß die Uraufführung des Werkes am 14. Januar 1915 überhaupt stattgefunden hat. (Sie ist denn auch bis heute die einzige Aufführung geblieben). Tatsächlich erfolgte diese als Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten österreichisch-unga­rischer Kriegswaisen. Vorangestellt war dem Frieden als Berliner Erstaufführung Anton Bruckners Messe f-moll. Die Reaktion der Kritik auf das neue Werk war zwiespältig, zielte allerdings weniger auf das Werk selbst sondern auf die Zeitumstände seiner Uraufführung. Man empfand das Sujet irgendwie als deplaziert: Zu stark war noch der Nachhall jener Kriegsbegeisterung und des Hurrah-Patriotismus, der den Kriegsausbruch im August 1914 begleitet hatte. Daran änderte sich auch 1919 nichts, als in den Pariser Vororten die Friedensverträge unterzeichnet wurden, denn diese Art von Frieden lehnte man seitens der Besiegten weithin ab. Auch Reznicek selbst scheint keinen Versuch unternommen zu haben, den Frieden ein weiteres mal zur Aufführung zu bringen, wiewohl Der Schlemihl und Der Sieger in jenen Jahren oft in den Konzertprogrammen erschienen. Die mangelnde Attraktivität des Frieden für den Konzertbetrieb bewirkte dann auch, daß Bote&Bock, die schon Schlemihl und Sieger verlegt und auch einen Druck des Frieden angekündigt hatten, dieses Projekt nicht weiter verfolgten und das Werk allmählich in Vergessenheit geriet.

Das Stück ist ähnlich groß besetzt, wie schon der Sieger. Es verlangt vierfache Holz- und Blechbläser, großes Schlagzeug und eine (teilweise solistisch eingesetzte) Orgel. Mit dem angemessenen Streicherapparat kommt man damit in die Dimensionen von Richard Strauss Alpensinfonie, also etwa 130 Spieler. Dazu einen gemischten Chor, der aus Gründen der Balance wohl ebenfalls 80 Sänger umfassen sollte. Die Aufführungsdauer beträgt etwa 25 Minuten. Es ist klar, daß nur wenige Orchester und Institutionen über die Mittel verfügen, ein solches Werk aufzuführen. Der pazifistische Grundcharakter des Werkes dürfte es gleichwohl rechtfertigen, das Stück zu besonderen Anlässen aufs Programm zu setzen.

Text (E. N. von Reznicek)

Friede! Friede! Friede! Holder Friede!
Es läuten die Glocken,
es lächeln die Fluren.
Es leuchtet die Sonne,
der Frieden ist kommen,
der Friede!
Kling, klang, kling, klang, kling, klang!
Haltet fest den Schwur der Treue,
laßt den Krieg nicht mehr herein!
Gegen ihn laßt uns marschieren,
Arbeit soll die Losung sein!
Danket Gott dem Herrn in Liebe,
reicht dem Feind die Freundeshand!
Brüder seien alle Völker,
Krieg auf ewig sei verbannt,
ewig sei der Krieg verbannt!
Väter, Söhne, teure Brüder,
kehrt zurück in unsre Arme!
Bräute trocknet eure Tränen,
Friede ist kommen!
Heil, holder Knabe mit lockigem Haupt,
schwinge die Fahne mit wonniger Hand,
lasse die Glocken ertönen mit
Kling, Klang, Gloria!
Schließt zusammen euch in Liebe,
steht, wenn's gilt, wie Mann an Mann!
Väter, seid wie Brüder einig,
wenn der Hydra Haupt sich reckt!
Wahrt der Menschheit heilig Recht:
den Frieden!
(schreiend)
Laßt uns den Frieden!
Wir wollen Frieden!

Copyright 2017 by Michael Wittmann

Labels: , ,