Donnerstag, Mai 04, 2017

Emil Nikolaus von Rezniceks Hauptwerk "Der Frieden" wiederaufgefunden



„Frieden – Eine Vision für Chor, großes Orchester und Orgel“


Emil Nikolaus von Reznicek hatte einen frühen Erfolg mit seiner Oper Donna Diana (1894), deren Ouvertüre seinen Namen bis heute lebendig hielt. Ähnlich Leos Janacek aber entstand sein Haupt­werk erst nach seinem fünfzigsten Geburtstag, beginnend mit der Tondichtung Schlemihl (1912), die er mit Der Sieger (1913) und Frieden – Eine Vision (1914) zu einer Trilogie erweiterte. Wäh­rend nun aber Schlemihl und Sieger im Druck vorliegen und inzwischen auch auf CD einge­spielt sind, ist der Frieden Manuskript geblieben. Dieses Manuskript galt seit 1941 als vermisst und dürfte während des 2. Weltkrieges vernichtet worden sein, als das Verlagsarchiv von Bote&Bock, in dem es mit den Aufführungsmaterialien eingelagert war, nach aliierten Bombenangriffen in Flam­men aufging. Dem Schreiber dieser Zeilen ist es nun gelungen, in den USA eine vollständige Abschrift ausfindig zu machen. Die Editio princeps des Werkes wird in Kürze im Rahmen der Editio Reznicek (Wedemark) erscheinen.

Zur Entstehung des Werkes schreibt Reznicek 1941 in seinen unveröffentlichten Memoiren: „Es war am 20. Dezember 1913 (ich entsinne mich genau des Tages, weil ich ihn auf der Partitur vermerkt habe), da träumte mir folgendes: Ich war Soldat. Es war nach einer blutigen Schlacht. Ich lag tötlich verwundet unter tausenden von Leidensgefährten auf der Walstatt. Das Ächzen und Stöhnen der nach Hilfe und Wasser Rufenden drang schauerlich durch die Nacht. Von fernher tönten Signale, Trommelschlag und der Geschützdonner der Verfolgung. Wachtfeuer flammten auf und die Hyänen des Schlachtfeldes stürzten sich auf uns wehrlose Opfer. Eine riesenhafte Gestalt zu Pferde, der Krieg, ritt langsam über die Leichen. Ich winde mich in Fieber­delirien. Plötzlich, wie durch einen Zauber, wird es licht um mich herum. Ich bin zu Hause bei den Meinen. Der Friede ist geschlossen und jubelnd strömt das Volk zusammen, um das frohe Ereignis zu feiern. Glocken tönen, aus den Kirchen schallt der feierliche Gesang der Andächtigen und alles vereinigt sich zu einem brausenden Crescendo des Glücks. Plötzlich fühle ich, es war eine Vision, eine Ausgeburt meiner überhitzten Phantasie, es wurde wieder dunkel, ich liege auf dem Schlacht­feld und --- sterbe. - In diesem Moment erwachte ich und am andern Tag begann ich den Entwurf zu meiner symphonischen Dichtung Frieden, die jetzt – soll ich sagen leider – so aktuell geworden ist“.

Wie man Rezniceks Schilderung entnehmen kann, hat er unmittelbar nach dem Traum­erlebnis mit der Komposition begonnen. Die fertige Partitur des Frieden trägt wiederum als Datum den 18. April 1914, so daß der vollständige Kompositionsprozeß von der ersten Idee bis zur fertigen Partitur auf den Zeitraums sich zwischen dem 20. Dezember 1913 und dem 18. April 1914 vollzogen hat. Am 17. Juni 1914 schließlich vermeldet das Prager Tagblatt, daß Rezniceks neues Werk Frieden vom Philharmo­nischen Chor in Berlin für die nächste Saison zur Uraufführung angenommen worden sei. Zehn Tage später ereignete sich das Attentat von Sarajevo, dem am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien folgte, mit dem der 1. Weltkrieg seinen Anfang nahm. Selten einmal wurde eine Vision derart schnell von der Realität grausam eingeholt. Angesichts des Kriegsausbruches ist es verwunderlich, daß die Uraufführung des Werkes am 14. Januar 1915 überhaupt stattgefunden hat. (Sie ist denn auch bis heute die einzige Aufführung geblieben). Tatsächlich erfolgte diese als Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten österreichisch-unga­rischer Kriegswaisen. Vorangestellt war dem Frieden als Berliner Erstaufführung Anton Bruckners Messe f-moll. Die Reaktion der Kritik auf das neue Werk war zwiespältig, zielte allerdings weniger auf das Werk selbst sondern auf die Zeitumstände seiner Uraufführung. Man empfand das Sujet irgendwie als deplaziert: Zu stark war noch der Nachhall jener Kriegsbegeisterung und des Hurrah-Patriotismus, der den Kriegsausbruch im August 1914 begleitet hatte. Daran änderte sich auch 1919 nichts, als in den Pariser Vororten die Friedensverträge unterzeichnet wurden, denn diese Art von Frieden lehnte man seitens der Besiegten weithin ab. Auch Reznicek selbst scheint keinen Versuch unternommen zu haben, den Frieden ein weiteres mal zur Aufführung zu bringen, wiewohl Der Schlemihl und Der Sieger in jenen Jahren oft in den Konzertprogrammen erschienen. Die mangelnde Attraktivität des Frieden für den Konzertbetrieb bewirkte dann auch, daß Bote&Bock, die schon Schlemihl und Sieger verlegt und auch einen Druck des Frieden angekündigt hatten, dieses Projekt nicht weiter verfolgten und das Werk allmählich in Vergessenheit geriet.

Das Stück ist ähnlich groß besetzt, wie schon der Sieger. Es verlangt vierfache Holz- und Blechbläser, großes Schlagzeug und eine (teilweise solistisch eingesetzte) Orgel. Mit dem angemessenen Streicherapparat kommt man damit in die Dimensionen von Richard Strauss Alpensinfonie, also etwa 130 Spieler. Dazu einen gemischten Chor, der aus Gründen der Balance wohl ebenfalls 80 Sänger umfassen sollte. Die Aufführungsdauer beträgt etwa 25 Minuten. Es ist klar, daß nur wenige Orchester und Institutionen über die Mittel verfügen, ein solches Werk aufzuführen. Der pazifistische Grundcharakter des Werkes dürfte es gleichwohl rechtfertigen, das Stück zu besonderen Anlässen aufs Programm zu setzen.

Text (E. N. von Reznicek)

Friede! Friede! Friede! Holder Friede!
Es läuten die Glocken,
es lächeln die Fluren.
Es leuchtet die Sonne,
der Frieden ist kommen,
der Friede!
Kling, klang, kling, klang, kling, klang!
Haltet fest den Schwur der Treue,
laßt den Krieg nicht mehr herein!
Gegen ihn laßt uns marschieren,
Arbeit soll die Losung sein!
Danket Gott dem Herrn in Liebe,
reicht dem Feind die Freundeshand!
Brüder seien alle Völker,
Krieg auf ewig sei verbannt,
ewig sei der Krieg verbannt!
Väter, Söhne, teure Brüder,
kehrt zurück in unsre Arme!
Bräute trocknet eure Tränen,
Friede ist kommen!
Heil, holder Knabe mit lockigem Haupt,
schwinge die Fahne mit wonniger Hand,
lasse die Glocken ertönen mit
Kling, Klang, Gloria!
Schließt zusammen euch in Liebe,
steht, wenn's gilt, wie Mann an Mann!
Väter, seid wie Brüder einig,
wenn der Hydra Haupt sich reckt!
Wahrt der Menschheit heilig Recht:
den Frieden!
(schreiend)
Laßt uns den Frieden!
Wir wollen Frieden!

Copyright 2017 by Michael Wittmann

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