Emil Nikolaus von Reznicek - Forschung

Montag, Dezember 18, 2017

"Der Kampf der Kulturen" - Anmerkung zu E.N. von Rezniceks Oper Satuala (1927)

E.N. von Reznicek hat Zeit seines Lebens betont, daß sein Schaffen aus eigenem Erleben und Empfinden entstanden sei. Dabei ging es ihm um künstlerischen Ausdruck. Die Vorstellung einer politisch engangierten Musik wäre ihm absurd vorgekommen; zumal er selbst an Tagespolitik nicht interessiert war. Hingegen verfügte er über eine humanistische Grundeinstellung, an deren Idealen er festhielt, auch wenn ihm schmerzlich bewußt war, wie sehr die Menschheit in ihrem realen Leben hinter ihren idealen Möglichkeiten zurückbleibt. Über diesen gedanklichen Umweg sind dann sehr wohl Werke entstanden, die wenn schon nicht politisches so doch humanistisches Engagement bezeugen.

In diesem Sinne ist zu deuten, daß er in seinen Liedern nach 1900 Gedichte aus der Sammlung „Lieder aus dem Rinnstein“ vertonte, die als moderne Großstadtlyrik die soziale Frage thematisieren. 1912 schrieb er Zwei Balladen aus fredericianischer Zeit, in denen er dem seinerzeit hochgelobten Gedicht Georg von Kries Das Regiment Forkade bei Hochkirch, das den heroischen aber sinnlosen Untergang dieses Regimentes glorfiziert, eine Fabel von de la Motte-Fouqué gegenüber stellte, die statt dessen die Tugend der Schlachtvermeidung preist. Das Thema Frieden beschäftigte ihn auch 1913 in seiner großen Tondichtung Frieden – Eine Vision und 1929 in seiner Kantate Vom ewigen Frieden. 1926 feierte er den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund in seiner Festouvertüre – dem befreiten Köln. In seiner Oper Ritter Blaubart (1917) nach dem Drama von Herbert Eulenberg übernimmt er dessen damals revolutionäre Deutung von Blaubart nicht als Monster, sondern als Triebtäter. Und in seinem letzten Werk, dem Ballett Das goldene Kalb (1934/35) prangert Reznicek den verderblichen Einfluß des Geldes und Goldes durch die Jahrhunderte an.

Das Schlagwort vom „Clash of Civilisations“ (Kampf der Kulturen) war zu Rezniceks Zeiten noch nicht gefunden. Gleichwohl hat ihn auch diese Thematik beschäftigt. Denn genau dieses (tragische) Aufeindertreffen zweier unterschiedlicher Zivilisationen bildet das Kernthema seiner Oper Satuala, die er zusammen mit Rolf Lauckner (1887-1954) geschrieben hat. Diese Oper könnte man als eine Art Nachbarschaftsprojekt bezeichnen, denn der Librettist hatte 1925 eine Wohung in unmittelbarer Nähe zu Emil Nikolaus von Reznicek in Berlin-Charlottenburg bezogen. Irgendwie müsssen die beiden dadurch schnell in Kontakt gekommen sein, denn schon im Herbst 1926 arbeiteten sie an dem gemeinsamen Projekt Satuala. Von Lauckner stammt die Handlung und das Libretto, von Reznicek die Gliederung und die Musik. Dabei kann man den Plot als „spin-off“ von Lauckners 1923 uraufgeführtem Drama Die Reise gegen Gott verstehen, deren drei Akte in Europa, Peru und der Südsee spielen.

Im Zuge der Studien zu diesem Theaterstück hatte sich Lauckner auch mit der Geschichte Hawaiis beschäftigt. In den 1830er Jahren von den USA zunächst als selbständiges Königreich anerkannt, geriet dieses im Zuge des sich ausweitenden Pazifikhandels mehr und mehr unter Einfluß und in Abhängigkeit zu den Vereinigten Staasten. 1893 dankte schließlich die letzte König Hawaiis ab, um den Weg für eine Machtübernahme durch die USA zu ebnen. Das geschah nicht ohne die Opposition traditioneller Kräft, die um ihre kulturelle Identität fürchteten und sogar einen Aufstand wagten, um diese Entwicklung zu verhindern.. Lauckners Libretto nimmt auf diese historischen Ereignisse Bezug, ohne jedoch eine Historienoper zu entwerfen. Sein Thema ist vielmehr die Begegnung einer weißen Kolonialmacht mit einer idigenen Kultur, die dadurch dem Untergang geweiht wird. Exemplifiziert wird dies ganz operngemäß an Hand der tragischen Liebesgeschichte zwischen dem amerikanischen Kapitän-Leutnant Donald F. Carson und der Eingeborenen Satuala.

Der erste Akt beginnt mit der bevorstehenden Abdankung der Königin und der bevorstehenden Landung eines Vorauskommandos amerikanischer Soldaten unter Leitung Carlsons. Ma-Su, ein Häuptling und Führer der Traditionalisten, versucht die Insulaner zum Widerstand anzustacheln. Der Oberpriester Kaliahoa verhindert dies zunächst. Doch findet Ma-Su in Satuala, einer jungen Hofdame aus dem Gefolge der Königin, eine Verbündete. Er überredet sie, durch ihre weiblichen Reize den Anführer des Landungstrupps drei Tage abzulenken, um so die Zeit zu gewinnen, einen Aufstand zu organisieren. Satuala begegnet Carson und zeigt sich scheinbar verliebt. Zweifel kommen ihr, als Ma-Su ihr offenbart, daß er auch die Königin absetzen, sich selbst zum Herrscher ausrufen und sie zur Frau nehmen will.

Der zweite Akt ist als großer Festakt konzipiert, bei dem die bevorstehende Machtübernahme gefeiert werden soll. Satuala hat sich inzwischen tatsächlich in Carson verliebt und warnt diesen unmittelbar vor dem bevorstehenden Angriff der Traditionalisten auf das Fest. Dadurch kann der Aufstand niedergeschlagen werden, doch gibt es Tote auf beiden Seiten.

Der dritte Akt spielt zunächst auf dem vor der Küste kreuzenden Kriegsschiff der USA. Ma-Su wurde gefangen genommen und trifft nun auf den kommandierenden Admiral. In einer großen Verteidigungsrede rechtfertigt er den Aufstand als legitimen Widerstand gegen die bevorstehende Auslöschung der kulturellen Identität der Insulaner. Nebenbei erfährt der Admiral so auch, daß Carson sich entgegen der Befehle drei Tage hat hinhalten lassen. Eigentlich müßte er diesen nun vor einem Kriegsgericht zu Rechenschaft ziehen. Statt dessen wählt er einen anderen Weg: in einem scheinbar harmlosen Gespräch legt er diesem nahe, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.

Carson kehrt auf die Insel zurück, um sich von Satuala zu verabschieden. Satuala versteht nicht, warum er nach den Gesetzen seines Landes sterben soll. Vergeblich versucht sie Carlson von der Tat abzuhalten. Nachdem er sich mit seiner Dienstwaffe erschossen hat, versucht sie, es ihm gleich zu tun. Da sie jedoch nicht mit einem Revolver umgehen kann, zückt sie ihren Dolch und ersticht sich. In diesem Moment erscheint der Admiral um die Machtübernahme zu vollziehen. Er sieht die Leichen und bedeckt diese mit der mitgebrachten amerikanischen Fahne: die Stars and Stripes werden zum Leichentuch der hawaianischen Kultur (Vorhang).

Zu Lauckners knappem, dem Expressionismus verpflichteten Libretto entwarf Reznicek eine ebnso farbige wie konzise Musik. Die Oper ist durchkomponiert, wobei sich die Konversation immer wieder zu ariosen Einlagen und Duetten verdichtet. Abgesehen vom Eingangschor wird der Schwerpunkt dabei auf die Ausarbeitung der Personencharakteristiken und -konstellationen gelegt. Von zentraler Bedeutng ist der Festakt, in dessen Mittelpunkt (wie so oft bei Reznicek) ein Ballett steht. Hier nutzt er voll die Möglichkeiten der couleur locale, indem er polynesische Klänge (ein symphonischer Hula) mit den Jazzklängen der amerikanischen Marnieband kombiniert. Die eigentliche musikalische Herausforderung dürfte für Reznicek jedoch in der Schlußszene gelegen haben, die im Grunde vor die Aufgabe stellte, Isoldes Liebestod noch einmal, nun aber unter den konkreten Bedingungen des Jahres 1893 und mit den tonsetzerischen Mitteln der 1920er Jahre zu gestalten.

Satuala erlebte ihre erfolgreiche Uraufführung am 4. Dezember 1927 in Leipzig und wurde alsbald in Erfurt und Hannover nachgespielt. Gleichwohl stand sie von Anfang an im Schatten des am 10. Februar 1927 ebenfalls in Leipzig uraufgeführten Jonny spielt auf. Ein Blick in die zeitgenössischen Rezensionen zeigt überdies eine gewisse Ratlosigkeit der Kritiker gegenüber einem Werk, das gerne als „Südseeoper“ apostrophiert und in die Nähe Puccinis gerückt wurde. Tatsächlich geht dieser Vergleich aber an der Sache vorbei: wo die Tragödie der Madama Butterfly durch das individuelle Fehlverhalten des Leutnant Pinkerton verursacht wird, stellt die Tragödie der Satuala durchaus die Systemfrage. Und der Gedanke, daß eine indigene Kultur womöglich über den ethisch zuverlässigeren Kompass verfügen könnte und daß die Einführung westlicher Vorstellungen eben nicht nur das Alphabet und die chistliche Erlösung, sondern den Untergang bringen könne, war seiner Zeit offenkundig weit voraus. Heutzutage und in Kenntnis der Deko­lo­nia­lisierung und des Vietnamkrieges wird man dies womöglich anders sehen. Was fehlt ist ein mutiger Intendant, der es unternimmt, das Werk unter diesen Vorzeichen neu zu befragen.

Copyright 2017 by Michael Wittmann

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